SCHON  0350BÄUME GEMELDET!

Baumgeschichten
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Pinus, der alte Baum

Geboren war Amanda mitten im Zweiten Weltkrieg auf der Nordseeinsel Amrum, und dort war sie auch groß geworden. Man merkte auf der kleinen Insel nicht viel vom Kriegsgeschehen. Fast jeder kam durch Landwirtschaft und Gemüseanbau im Garten über die Runden. Blumenbeete gab es nicht.
Amanda liebte den sehr übersichtlichen Inselwald und freute sich, wenn der Vorrat an Tannenzapfen im Korb neben dem Herd zur Neige ging und sie von ihrer Mutter beauftragt wurde, für Nachschub zu sorgen – denn ohne die Zapfen gestaltete sich das Kochen schwierig.

Sie sammelte fleißig und schnell und freute sich auf das Lob der Mutter. Die Birne, die Mutter ihr in die Jackentasche gesteckt hatte, aß sie nicht irgendwo, sondern unter einem großen alten Baum, einer gemeinen Waldkiefer, wie der Biologie-Lehrer ihr erklärt hatte. Der Baum könne ein Alter von bis zu 600 Jahren erreichen und sei sehr robust, Voraussetzung für das raue Nordseeklima. Der lateinische Name sei Pinus sylvestris, und dieses nahm Amanda zum Anlass, ihrem Baum den Namen Pinus zu geben.

Nein, schön war er nicht, der Pinus. Krumm und zerzaust von unzähligen Herbststürmen und viele Äste hatten daran glauben müssen, aber die noch vorhandene ausladende Baumkrone warf im Sommer angenehmen Schatten.
Die Klassenkameraden lästerten: „Der sieht ja aus wie der Rasierpinsel vom letzten Kaiser.“
Der Krieg war vorbei, und aus Ostpreußen kamen viele Flüchtlinge nach Amrum, die sich wehmütig beim Anblick der Amrumer Dünen- und Strandlandschaft an ihre Heimat erinnerten. Nun brauchte man Nahrung und Heizmaterial doppelt und dreifach, und naheliegend war das Fällen alter Bäume. Amanda war sehr besorgt um ihren Pinus.

Und dann kam von Seiten der Politik des Landes der „grüne Plan“. Dazu gehörte auf Amrum das Aufforsten großer Heideflächen von Nord nach Süd entlang der Dünenkette, mit der Begründung, die Dörfer vor Sandflug zu schützen.
Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme für die Flüchtlinge war offensichtlich ein weiterer Grund, denn es kamen Schiffsladungen mit Koniferen-Setzlingen vom Festland auf die Insel, und alles, was Arme und Beine hatte, wurde zum Pflanzen abkommandiert. Amandas Schulkasse erhielt vom Lehrer eines Tages die frohe Botschaft: „Morgen wetterfest anziehen, ihr müsst helfen beim Bäume pflanzen.“ Der Jubel war groß. Die Kinder kannten das leidige Mithelfen in der Landwirtschaft zur Genüge, aber das konnte man nicht vergleichen mit der Pflanzaktion, die sogar einen Riesenspaß machte. Der Unterrichtsausfall war vom Bürgermeister genehmigt worden. Der herbst war sehr feucht und die kleinen Bäume gediehen gut, aber man bemängelte die wenig vorteilhafte Monokultur der Pflanzung. Mischwald wäre vonnöten gewesen.
Pinus hatte Glück gehabt, die Säge hatte ihn verschont – und Amanda war glücklich, dass es ihn noch gab.
Auf Amrum wurde es sprichwörtlich zu eng, und die Flüchtlinge bekamen fast alle im Rheinland, im sogenannten Ruhrpott, eine neue Heimat. In späteren Jahren, als fast alle sich wieder einen Urlaub leisten konnten, kamen sie als Touristen auf die Insel und bewunderten „ihren Wald“.

Amanda wuchs heran und zog aufs Festland. Der urlaub wurde natürlich zu Hause bei den Eltern verbracht – und die tägliche Fahrrad-Tour endete bei ihrem Pinus, dem alten Baum. Als wolle er ihr eine Freude machen, fand sie an einem sonnigen Herbsttag einen wunderschönen Steinpilz an seinem Stamm.
Aber die sonnigen Tage hatten ein Ende. Es kamen orkanartige Herbststürme, die es Amanda vorübergehend unmöglich machten, zurück aufs Festland zu fahren. Es machte ihr Spaß, mit aller Kraft gegen den Sturm anzukämpfen und die Natur in ihrer ganzen Gewalt zu spüren.
Der Orkan erreichte seinen Höhepunkt und Amandas Befürchtung trat ein. Der Baum Pinus lag niedergestreckt auf dem Waldboden und Amanda vergoss ein paar Tränen.

Irgendwann sollten im Wald die Schäden des Orkans beseitigt werden und viele Holzstämme von guter Qualität standen zum Verkauf, dazu gehörte auch Pinus. Amanda bat ihren Vater inständig, den Stamm, den man in vier Teile zersägte, zu kaufen. Das Holz wurde an der Südwand der Gartenlaube zu einer Art Sitzbank aufgestapelt und war schon bald Amandas Lieblingsplatz.

Amanda wurde krank, sehr krank. Ihr sollte nur wenig Zeit bleiben, und sie wusste es. Bald reichten die Kräfte nicht mehr für den Spaziergang in den Wald. Ein Tag war wie der andere. Doch an einem Sonntag im August fand der Vater sie in auffallend heiterer Stimmung. Sie wollte mit ihm reden. Sie trug mit klarer Stimme ihren Wunsch vor und er lauschte, erst aufmerksam und dann erschrocken ihren Worten: „Ich weiß, du bist ein guter Handwerker. Das Holz wird reichen, ich habe alles genau gemessen und berechnet. Ich möchte, dass du meinen Sarg zimmerst, aus dem Stamm von Pinus. Die Leute werden reden, aber das soll dich nicht stören.“ Der Glanz ihrer Augen ließ ihn jeden Widerstand vergessen und die Trauer erträglicher machen.

Im September starb sie. Es war klar, dass die Leute auf Amrumer Friesisch, auf öömrang, über den ungewöhnlichen Sarg redeten: „En skoonk kast“, sagten sie hinter vorgehaltener Hand, was für sie „ein hässlicher Sarg“ bedeutete.
Sie sagten noch, dass Amanda ja eigentlich recht nett, aber schon immer ein bisschen verrückt gewesen sei. Und dann gingen sie nach Hause.

Nora Grevenitz

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