SCHON  0350BÄUME GEMELDET!

Baumgeschichten
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Mein Kastanienbaum

Als ich fünf Jahre alt war, musste ich mit meiner Familie umziehen. Ich war sehr traurig, den Kindergarten und alle meine Freundinnen zurück zu lassen.
Als Andenken an meine Heimatstadt nahm ich mir eine kleine Kastanie, die von dem Kastanienbaum vor unserem Haus stammte, mit.
Im neuen Haus pflanzte ich sie in unseren Garten, wo meine Kastanie viel Platz zum Wachsen hatte. Ich war mir sicher, sie würde eines Tages ein großer Baum mit vielen Kastanien zum Basteln werden.
Zuerst geschah gar nichts, doch nach circa einem Jahr konnte man schon einen Trieb erkennen.
Ich war so stolz auf den Trieb, dass ich einen kleinen Zaun um ihn baute, damit mein Vati bloß nicht mit dem Rasenmäher über ihn fuhr.
Viele Jahre vergingen, ich kam in die Grundschule und schließlich auch aufs Gymnasium.
Ein süßer Vogel baute sich in der Zwischenzeit ein Nest für seine Jungen und kehrte jedes Jahr wieder zurück.
Meine Mutter und ich konnten sogar an Ostern Eier an den Baum hängen, denn er war jetzt schon zweieinhalb Meter groß geworden.
Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war und an einem Frühlingsabend von meiner Freundin zurück kam, entdeckte ich etwas Wunderbares. An meinem Baum waren die ersten Blütenstände mit weißen Kronblättern und gelben roten Mal zu sehen, er war erwachsen geworden.
Im darauf folgenden Herbst fand ich sogar eine winzige Kastanie unter dem Baum. Ich war überglücklich und noch viel stolzer als damals wegen des Triebes, dass es eine kleine Kastanie aus meiner Heimatstadt soweit geschafft hatte.

Von Jahr zu Jahr wurde der Baum immer größer und die Äste immer kräftiger und länger, so dass ich anfangen konnte, auf ihm zu klettern.
Ich machte Abitur, und die Krone meines Kastanienbaumes legte fast den ganzen Garten in den Schatten.
Meine Eltern waren nicht so begeistert, doch ich überredete sie jedes Mal aufs Neue, den Baum stehen zu lassen. Ich wurde älter und der Baum immer größer.
Im Sommer nach meinem 35. Geburtstag passierte es, mein Kastanienbaum musste gefällt werden. Ich wusste, dass es irgendwann so kommen würde, er war einfach zu hoch geworden.

Die ganze Sache verletzte mich tief, ich sah immer noch die kleine Kastanie in meiner Hand, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon erwachsen und glücklich verheiratet war. Meine vierjährige Tochter war auch traurig, dass der Kletterbaum bei Oma und Opa weg musste.
Da hatte ich eine Idee. Ich erzählte meiner Tochter die ganze Geschichte meines Kastanienbaumes vom Anfang bis zum Ende. Auch wenn sie vielleicht nicht alles verstand, was ich ihr erzählte, nahm ich meine Tochter einen Tag vor dem Fällen mit zu meinen Eltern und pflückte eine Kastanie für sie ab.
Wir pflanzten sie dann zusammen in unseren Garten und warteten gespannt, wie ich damals, auf einen neuen Kastanienbaum.

Kathi Soll, 12 Jahre alt

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